Hunsrück: Schinderhannesturm in Simmern - das Zeug zur Räuberpistole
Hunsrück: Schinderhannesturm in Simmern - das Zeug zur Räuberpistole

05. März 2026

Hunsrück: Schinderhannesturm in Simmern - das Zeug zur Räuberpistole

Etwa 700 Jahre alt ist der östliche Turm der ehemaligen Stadtmauer Simmerns. Er wurde zwischen 1320 und 1330 erbaut und hat seither eine höchst wechselvolle Geschichte hinter sich. Lange diente er als Pulvermagazin, bevor die Stadtväter um 1680 beschlossen, das hufeisenförmige Turmgebäude zu einem Gefängnis umzubauen.

1750 erhielt das markante Bauwerk ein barockes schiefergedecktes Kegeldach und eine Freitreppe. Seinen heutigen Namen verdankt der Turm seinem wohl berühmtesten und berüchtigtsten Insassen: dem Schinderhannes. 

Der sagenumwobene Räuberhauptmann Johannes Bückler, genannt Schinderhannes, hatte schon mehrfach in Arrestzellen eingesessen und oft war ihm die Flucht gelungen. Schließlich saß er nach seiner Festnahme in Schneppenbach vom 26. Februar bis 19. August 1799 in Simmern ein – dem damals angeblich sichersten Turm seiner Zeit. Seit dem Umbau zum Gefängnis hatte der Turm immerhin schon den großen Stadtbrand von 1689 überstanden. Die unteren Fenster und Türen wurden zugemauert und fertig war ein Turmverlies. Die Häftlinge wurden durch eine Klappe, das „Angstloch“, fünf Meter in die Tiefe abgeseilt, um dort die Nacht zu verbringen. Der Gefängnisaufseher wohnte sogar mit seiner Familie im Turm. Daher galt das Gefängnis als ausbruchssicher. Jedenfalls bis zu jener Nacht auf den 20. August 1799: Schinderhannes konnte fliehen, angeblich durch einem kühnen Sprung aus dem Küchenfenster. Wie das passieren konnte, dazu kursieren drei Thesen: Er hatte den Turmwächter bestochen. Er hatte mit der Gattin des Turmwächters eine Liebelei begonnen, sodass sie ihm half. Oder: Mit roher Gewalt, während des Essens, zu dem die Gefangenen einmal am Tag durch das Loch in die Küche hinaufgezogen wurden. Aber die Flucht erfolgte ja nachts. Wie es wirklich war? Das wird wohl immer ein Geheimnis bleiben. Kein Geheimnis, sondern bekannt ist dagegen, worauf sein Spitzname zurück geht: auf den ursprünglichen Lehrberuf des Johannes Bückler als Schinder beziehungsweise Abdecker.

Der Schinderhannesturm.Foto von Fritz Schellack Tourist Information Simmern Rheinböllen

Bei der Flucht brach sich der Räuberhauptmann ein Bein und schlug sich trotz Schmerzen durch das Hahnenbachtal bis nach Sonnschied durch und trieb weiter sein Unwesen mit Raubüberfällen und räuberischen Erpressungen. Die Taten beging er meist mit fünf Mittätern, insgesamt soll er mit bis zu 100 Kumpanen seine Überfälle begangen haben. Auch seine letzte Räuberbraut, Bänkelsängerin Julchen Blasius, zog seit 1800 mit ihm durch die Lande – für die Raubzüge getarnt in Männerkleidung. Ein großer Teil seiner Taten richtete sich dabei gegen Juden, denn bei diesen Angriffen waren kaum Einmischungen durch die überwiegend christlichen Nachbarn zu erwarten. Letztlich wurden beide doch gefasst. Ihren gemeinsamen Sohn brachte Julchen bereits im Gefängnis zur Welt. Johannes Bückler wurde zusammen mit 19 weiteren Männern am 21. November 1803 in Mainz mit der Guillotine hingerichtet. Zehntausende Schaulustige wohnten dem halbstündigen Spektakel bei. Julchen lebte nach ihrer zweijährigen Gefängnisstrafe noch viele Jahre als Wirtin in Weierbach und erzählte ihren Gästen oft und gerne bei Wein und Trank die Geschichten aus ihrem bewegten Leben. Ihre tragische Liebesbeziehung ist auch in einem Musical vertont.

Im ehemaligen Verlies zeigt eine Ausstellung mit dem Titel „Schinderhannes – Realität und Mythos“ alte „Räuberpistolen" und Fakten zu dem berühmtesten Insassen, dem Schinderhannes. Hörenswert ist die Audiostation in der 3. Etage unter anderem mit dem Lied vom Schinderhannes.

Informationen:
  • LAGE: Schinderhannesturm (am Schinderhannesplatz), Turmgasse 8, 55469 Simmern
  • ANREISE: Abfahrt von der E42. Beim Routenplaner unbedingt die Postleitzahl 55469 mit eingegeben, damit Sie nicht in Simmern bei Koblenz auf der anderen Rheinseite landen. RHB Linie 632 bis zur Haltestelle Bahnhof, dann 400 Meter zu Fuß.
  • ÖFFNUNGSZEITEN: März bis Oktober Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr, November bis Februar Dienstag bis Sonntag 10 bis 16 Uhr; Tel. 06761 2384, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
  • WEITERE AKTIVITÄTEN: 
    • Hunsrück-Museum: Geschichte des Hunsrücks, angefangen bei den Kelten übers Mittelalter. Infos über den Hunsrück-Dichter Rottmann, den Maler Friedrich Karl Ströher und zu den Heimat-Filmen, die aber demnächst umziehen; März bis Dezember Dienstag bis Freitag 10 bis 13, 14 bis17 Uhr, Samstag und Sonntag 14 bis 17 Uhr; Schlossplatz 4 (im Gebäude der Tourist-Information), 55469 Simmern, hunsrueck-museum.de
  • UNTERKUNFT: 
    • Gästehaus No. 3: atmosphärisches Haus, regionale Produkte; Schulstraße 3, 55469 Simmern, Tel. 06761 965230, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein., gaestehausno3.de
  • RESTAURANT: 
    • Dilan Grillhaus: türkisches Restaurant mit schöner Außengastronomie auf dem Schloßplatz; Schloßplatz 1, 55469 Simmern, Tel. 06761 9650555
  • WEBSITES: 

Beitragsbild: Auch im Hunsrück-Museum ist eine Abteilung dem Schinderhannes gewidmet. Foto von Fritz Schellack Tourist Information Simmern Rheinböllen

Buchtipp: Hunsrück - HeimatMomente

50 Mikroabenteuer zum Entdecken und Genießen (Inkl. vier digitale Ausgaben des Reisemagazins "360° HeimatReisen")

Der Hunsrück – schattige Wälder, satte Wiesen und bunte Felder auf sanften Hügeln so weit das Auge reicht. Hier und da blitzt ein pittoreskes Fachwerkdorf in der Landschaft auf. Ob nur für einen Tagesausflug oder einen längeren Urlaub – das Land der mittelalterlichen Städtchen, der verwunschenen Wälder und der schier endlosen Wander- und Radwege verzaubert Besucher und Einheimische immer wieder aufs Neue. Von der Nahe im Süden über die Deutsche Edelsteinstraße bis hin zum Saar-Hunsrück-Steig und zur Mosel laden zahlreiche Heimat-Momente zum Verweilen ein – der kleine Hunsrück bietet ein umfangreiches Programm voller Abwechslungen.

Dieser Reiseführer stellt 50 interessante, turbulente oder auch wunderbar einsame Ziele, Ausflüge und Wanderwege im Hunsrück vor. An manchen Bächen und Felsen fühlt man sich fernab jeglicher Zivilisation. In der Region, in der sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen, wurde kürzlich sogar ein erster Wolf im Nationalpark gesichtet. Neben bekannten Orten wie Idar-Oberstein liefert das Buch auch zahlreiche Geheimtipps, um die Seele baumeln zu lassen. Den Hunsrück zu entdecken wird Sie begeistern, versprochen!

Über die Autorin:
Marina Friedt, freie Journalistin und Autorin, liebt das Reisen – gerne auch in entfernte Winkel der Erde. Die gebürtige Hunsrückerin lebt seit Anfang der 1990er-Jahre in Hamburg, aber es zieht sie immer wieder zurück in die Heimat, dorthin, wo ihre Familie noch dieses harte Platt „schwätzt“, das es nur im Hunsrück gibt. Beim Anblick der hügeligen Felder, durch die der Wind das Korn wie Meereswellen vor sich her treibt, geht ihr das Herz auf. Und sie weiß: Selbst für Einheimische gibt es im Hunsrück immer wieder etwas Neues zu entdecken. Ihr Lebensmotto: Collecting moments, not things (Augenblicke sammeln, nicht Dinge).

Mit Kauf des Buches erhalten Sie zusätzlich einen Download-Code für vier digitale Ausgaben des Reisemagazins 360° HeimatReisen. Mehr Infos zum Magazin finden Sie unter 360grad-medienshop.de/Magazine/Heimatreisen

Bibliographische Angaben:

  • Taschenbuch: 256 Seiten, 205 Bilder, 8 Karten
  • Format: 16,5 x 11,5 cm
  • Verlag: 360° medien
  • Auflage: 2. Auflage (Mai 2022, Erstauflage November 2021)
  • Preis: 14,95 €
  • ISBN: 978-3-96855-267-5
  • Bestellmöglichkeit im Buchhandel oder über den Verlagsshop: 360grad-medienshop.de/hm-Hunsrueck