Nordseeküste: Entdeckungen im Flutsaum

30. November 2020

Nordseeküste: Entdeckungen im Flutsaum

Winterzeit ist Sturmzeit und wildes Wetter wühlt die Nordsee manchmal bis in die Tiefe auf. Normale Wellen bewegen die Oberfläche. Damit es auch unten in Bewegung kommt, muss es kräftig stürmen. Das macht´s turbulent auch für die krassen Kreaturen. Dann tauchen diejenigen auf, die man sonst nicht sieht. Maskenkrebs oder Schlangenstern, Blumentier oder Urzeitfisch - es ist kaum zu glauben, was in der Nordsee lebt. Ein Gang am Meer an solchen Tagen erlaubt manchmal auch einen Blick auf Vertreter dieses Kuriositäten-Kabinetts.

Nach anhaltenden Stürmen bietet sich am Strand der Nordsee, zum Beispiel „draußen“ auf Sylt, Amrum oder vor St. Peter-Ording, ein buntes, bisweilen bizarres Bild: Muscheln manchmal in großen Mengen, allerhand Krebse, auch Seesterne sind an solchen Tagen beinahe normal. Aber: „Mancherorts kommt es sogar zu Massenstrandungen von Seesternen, Herz-Seeigeln oder Schwertmuscheln“, berichtet Rainer Borcherding, er ist Biologe und arbeitet bei der Schutzstation Wattenmeer in Husum, er ist anerkannter Fachmann für die Flora und Fauna der Nordsee. „Diese massenhaften Anspülungen zeigen, dass die Sturmwellen den Meeresboden regelrecht leerfegen. Der starke Seegang wirbelt den lockeren Sandboden auf und rollt die ausgegrabenen Bodentiere so lange hin und her, bis sie entkräftet oder tot zu Tausenden am Strand landen.“



Ob solche Strandungen möglicherweise eine längerfristige Folge für die Tierwelt der Nordsee haben könnten oder ob sie zum natürlichen Zyklus von Werden und Vergehen gehören, müsse sich zeigen – „…denn wissenschaftlich erforscht sind solche Massenstrandungen in Folge von Stürmen bisher kaum“, sagt Borcherding. Interessant dürfte das vor dem Hintergrund zunehmender Wetterextreme sein. Was solch ein Sturm aber auch tut, ist den Blick zu schärfen, das Bewusstsein – man sieht und begreift, welche Artenvielfalt die Nordsee hat. Miesmuscheln und Austernschalen, ein Haufen Tang sind üblicher Anspül, den man kennen wird. Dass hier verschiedene Vögel leben und der Seehund auch, weiß man. Aber sonst? Im UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer leben mehr als 10.000 Tier- und Pflanzenarten und ein paar davon liegen am Strand, wenn der Sturm fortgezogen ist.

Auf Sylt zum Beispiel wurden schon Mondfische, ein Blauhai, Leuchtheringe aus der Tiefsee gefunden, auch ein Thunfisch trieb schon an. Tot waren sie und sie lagen am Strand. Es ist durchaus üblich, dass Lebewesen aus wärmeren Gefilden in die Nordsee gelangen - sei es durch Strömungen, sei es durch Wanderungen – und dort durchaus zumindest einen Sommer überleben. „Fällt die Wassertemperatur allerdings unter fünf Grad, sterben solche verirrten Tiere meist und werden irgendwann an den Strand gespült. Das ist ein typisches Phänomen um die Jahreswende“, erklärt der Biologe Rainer Borcherding. Es müssen aber nicht Exoten sein, die man winters zu sehen bekommt, in der Nordsee leben allerhand wundersame Wesen im Verborgenen. Man muss am Strand nur einmal genau hinsehen. 

Sehr sonderbares Zeug ist manchmal dabei: „Immer wieder melden Strandspaziergänger, gerade im Winter und nach stürmischen Tagen, ungewöhnliche Einzelfunde“, berichtet Rainer Borcherding, der auch den BeachExplorer mitentwickelt hat. Ein Strandfundportal als kostenlose App für das Smartphone / Computer, mit dem eigene Funde bestimmt und in eine Datenbank eingepflegt werden können, ein digitales Bestimmungsbuch für mehr als 2000 Sorten Strandfunde. Wer hätte sonst vom Lanzettfischchen erfahren (und wer hätte es erkannt)? „Das war schon eine große Besonderheit“, erinnert sich Borcherding, „dieses etwa fünf Zentimeter kleine Tierchen lebt normalerweise tief im Sand verborgen und gräbt sich mit schnellen und zappeligen Schlängelbewegungen ein.“ Und es ist ein Urzeitfisch, hat sich im Laufe der Evolution kaum verändert und ähnelt den Vorfahren aller Wirbeltiere – ein echter „Dinosaurier“ also, der da vor Sylt auftauchte. Wenn eine solche Art am Strand liegt, muss der Meeresboden im flacheren Wasser der Küstennähe durch tiefreichende, harte und kurze, Wellen, sogenannte Grundseen, quasi umgepflügt worden sein.

„Anhaltende Sturmwetterlagen sorgen immer wieder für manche Überraschung am Spülsaum!“, sagt Borcherding. Im Winter und nach Sturm melden Strandspaziergänger zum Beispiel Maskenkrebse, die nur in der kalten Jahreszeit überhaupt in Küstennähe auftauchen, oder Kammsterne, die in für normale Wellen unerreichbaren Tiefen der Nordsee leben. So etwas bekommen sonst nur Taucher zu Gesicht. Zirrenkraken tauchen auf und Seemannshände, die heißen auch Tote-Mann-Hand. Und sind eine Korallenart. Häufig im Winter hingegen sind beispielsweise leere Gehäuse von Herz-Seeigeln, die orangefarbenen Laichballen der Wellhornschnecke. Oder die aus tausenden winzigen Teilen eines Nesseltieres zusammengesetzten sogenannten „Seebälle“ – ausgetrocknet sind sie so leicht, dass sie vom Wind über die Sandbänke gerollt werden. „Und in ruhigen Bereichen liegen manchmal ganze Flächen von zerriebenen Holzstückchen und Jahrhunderte altem Torf – mit etwas Glück kann man dort auch ein kleines Stückchen Bernstein finden“, sagt Rainer Borcherding.



Sein Glück, und das seiner Kollegen aus der Wissenschaft, ist indes jeder Fund, der über den BeachExplorer bestimmt und gemeldet wird: Diese Meldungen fließen in Datenbanken ein und erlauben Forschern, ein immer detaillierteres Bild von der Lebenswelt der Nordsee zu gewinnen. „Ob es tatsächlich eine Zunahme an seltenen Arten wie zum Beispiel dem Seepferdchen gibt, die in den Jahren 2019/20 häufiger gelmeldet wurden, ist allein durch solche Meldungen nicht zu verifizieren. Aber wir gewinnen eine viel bessere Datenlage als früher und können so immer besser den Zustand der Flora und Fauna in der Nordsee abbilden“, berichtet der Biologe Borcherding, „…und die Strandspaziergänger sind für Umweltbelange im Großen und die schützenswerte Schönheit im Detail sensibilisiert.“ Was an den Strand gespült wird, lässt sich in der Regel mit dem beachexplorer.org schon am Deich oder Strand bestimmen.

Übrigens auch Müll. Von Blechen (schwimmfähig durch Bauschaum) über Handschuhe und richtige Schuhe bis zum Einweg-Rasierer oder Gartenteich – es gibt nichts, was es nicht gibt und irgendwann an einem Strand gefunden wird. „Auch diese Daten sind für den Umweltschutz wichtig“, sagt Borcherding. Zwar sind die großen Stücke weniger geworden, aber Müll gibt es immer noch zu viel im Meer, vor allem Mikroplastik, winzige, mitunter kaum sichtbare, Kunststoffteile sind ein Problem. Und Strandfundmüll erzählt manchmal eine Geschichte, die nicht schön ist:

Müll stammt aus der ganzen Welt, Müll ist ein globales Problem, und Plastik vergeht nicht. Fundstücke haben mitunter fremde Schriftzeichen und berichten so von ihrer Herkunft aus fernen Gegenden. Andere Fundstücke sind vierzig, fünfzig Jahre alt und wirken mit ihrem Wiedererkennungswert seltsam, sonderbar berührend. Das ist gewiss interessant und es ist eine spannende Spurensuche am Spülsaum, gibt bestenfalls zu denken und schärft wiederum das Bewusstsein, vielleicht seinen eigenen Umgang mit Plastik und Müll zu hinterfragen.

Aber Obacht: „Ganz skurril war der Fund eines kleinen schwarzen Zylinders, scheinbar aus schwarzem Holz, mit sieben Längsbohrungen“, erinnert sich Rainer Borcherding, „tagelang habe ich bei Archäologen und Technikern recherchiert, bis ich schließlich herausfand, dass es ein Stückchen Sprengstoff aus der Treibladung einer alten Granate war. Das Meer bringt auch manche Sachen zurück, die wir ihm zumuten. Je weniger wir hinein werfen, um so ungetrübter sind die Freuden des Strandspaziergänge!“

Photo Credit: R Borcherding - Schutzstation Wattenmeer (alle Bilder)